E-Mental-Health: von den Nachbarn lernen

eMEN Event am 29. November 2018 | CityCube | Berlin

Der Rückblick

Am 29. November veranstaltete die DGPPN in Zusammenarbeit mit dem Aktionsbündnis Seelische Gesundheit die dritte öffentliche Veranstaltung im Rahmen des eMEN-Projekts in Deutschland. Wie im vergangenen Jahr war das Seminar in den jährlichen DGPPN Kongress eingebettet und zog als eines der Highlights im Programm rund 180 interessierte Teilnehmer an. Im Fokus der Veranstaltung standen die unterschiedlichen politischen und rechtlichen Bedingungen für die Nutzung und Implementierung der E-Mental-Heath-Angebote in den nordwesteuropäischen Partnerländern. Impulse hierfür boten die ersten Ergebnisse der eMEN-Arbeitsgruppe, die überregionale Empfehlungen für geeignete Rahmenbedingungen für die Implementierung erarbeitet. Wie auf den vergangenen Veranstaltungen setzte sich das Publikum wieder aus einer bunten Mischung aus Fachpublikum, Politik, Betroffenen und Entwicklern zusammen. Sieben Unternehmen präsentierten ihre innovativen Anwendungen aus verschiedenen Bereichen der psychosozialen Versorgung. Die Veranstaltung bot den Teilnehmern darüber hinaus Gelegenheit, erste Erfahrungen in der Anwendung der Programme zu sammeln, die Produkte vor Ort direkt auszuprobieren und mit den Anbietern und Entwicklern ins Gespräch zu kommen. Eine weitere Brücke von der Theorie zur Umsetzung bildete das sogenannte Praxisgespräch, in dessen Rahmen Experten von ihren Erfahrungen mit E-Mental-Health-Anwendungen in verschiedenen Versorgungskontexten berichteten.

Die Vorträge

Eine Einschätzung zum Potenzial digitaler Anwendungen für die Versorgung lieferte zu Beginn der Veranstaltung Dr. Markus Müschenich vor. Dr. Müschenich ist Gründer von FLYING HEALTH und Experte für die Zukunft der Medizin. Er zeigte auf, wie E-Health-Angebote verschiedene Versorgungsbereiche verändern und welche weiteren Entwicklungen bereits heute abzusehen sind. Es wurde deutlich, dass ein disruptives Potenzial von diesen Anwendungen ausgeht und, dass sogenannte Killerapplikationen neue Impulse für die Versorgung setzen können. Sie treffen einen Nerv bei den Nutzern, stellen einen Mehrwert zu herkömmlichen Angeboten dar und eröffnen neue Möglichkeiten der Versorgung. Auf die Frage „Wie geht’s uns denn morgen?“ resümierte er schließlich, dass es uns mit der Unterstützung von E-Health nur besser gehen kann. 

Professor Dr. Wolfgang Gaebel stellte als Leiter der eMEN-Arbeitsgruppe „Transnational Policy Solution for E-Mental Health Implementation“ erste Ergebnisse der Gruppe vor. Überblicksartig zeigte er die unterschiedlichen rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen für die Implementierung von E-Mental-Health-Angeboten in den Partnerländern auf. Er machte deutlich, welche speziellen Hürden in der Umsetzung zu nehmen sind. Insgesamt stellte er fest, dass die Aktivitäten in allen Partnerländern rund um das Thema E-Mental-Health zunehmen wie z.B. Forschungs- oder Modellprojekte. Am Beispiel erfolgreicher internationaler Projekte fasste er die „lessons learned“ zusammen und gab einen Ausblick auf die notwendigen Handlungsfelder, die für die Übertragung in die Regelversorgung notwendig sind. Hierbei wurde deutlich, dass es unter anderem einer bes-seren Aufklärung über die bestehenden Angebote, deren Nutzung und Wirkweisen bedarf, um die Akzeptanz gegenüber den digitalen Angeboten zu steigern sowie einer besseren digitalen Infrastruktur und mehr Forschung zur Implementierung der Angebote. Professor Gaebel befürwortete einen umfassenden, multidisziplinären und strategischen Ansatz, der die vielfältigen Herausforde-rungen berücksichtigt. Hierfür setzt sich das eMEN-Projekt ein. 

Im weiteren Verlauf stellten Kevin Cullen, Oyono Vlijter und Bianca DeRosario die Situationen in Irland, den Niederlanden und Frankreich noch deutlicher dar. Kevin Cullen, Mental Health Reform, Irland, veröffentlichte zu Beginn des Jahres 2018 einen State-of-the-Art-Report über den Status von E-Mental-Health-Angeboten in Irland. In seinem Vortrag stellte er verschiedene E-Mental-Health-Anwendungsbeispiele auf dem irischen Markt vor. Auch in Irland kann die Nutzung der digitalen Angebote die klassischen Therapiemodelle ergänzen und so zu einer Verbesserung der Versorgung beitragen. Nächste hilfreiche Schritte auf dem Weg in die Regelversorgung wären laut Cullen Pilotprojekte in großem Maßstab und die Entwicklung und Einrichtung von „Innovation hubs“. Hier sollten verschiedene Akteure des Feldes wie Entwickler, Nutzer und Kliniker zusammengebracht werden, um eine gemeinsame Entwicklung zu unterstützen. 

Oyono Vlijter, der Leiter des eMEN-Projektes, stellte die neusten Entwicklungen in den Niederlanden dar. Entgegen den Erwartungen läge die Nutzungsrate von E-Mental-Health-Angeboten in den Niederlanden derzeit lediglich bei 15 %. Viele E-Mental-Health-Projekte würden nicht erfolgreich verlaufen und klarere Rahmenbedingungen seien notwendig, um die Nutzung zu strukturieren. Ab 2019 sollen E-Mental-Health-Anwendungen deshalb in den Niederlanden besser finanziert und neue Regelungen für deren Nutzung eingeführt werden, um so einen stärkeren Anreiz für deren Einsatz zu schaffen. 

Bianca DeRosario vom WHO Collaborating Centre EPSM Lille Métropole stellte die EQUME-Studie vor, die die Akzeptanz und Nutzung verschiedener Gruppen in Bezug auf E-Mental-Health-Angebote untersucht hat. Die größte untersuchte Gruppe stellten die Pflegekräfte dar, am meisten Wissen über die Produkte hatten die Hausärzte. Die Kritik der untersuchten Gruppen zielte vorrangig darauf ab, dass Terminologien uneindeutig seien und menschliche Interaktion durch technische Angebote ersetzt werden könnten. Ein interessanter Befund waren die Chancen, die die Betroffenen in den E-Mental-Health-Angeboten sahen. Mit ihrer Hilfe könne, so das Ergebnis der Untersuchung, ein besseres Gleichgewicht zwischen Fachpersonal und Patienten hergestellt werden. 

Im Gespräch mit Professor Ulrich Sprick, Chefarzt der ambulanten Dienste und Tageskliniken des St. Alexius/ St. Josef Krankenhaus in Neuss, und Professor Martin Siepmann, ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Klinik Bad Neustadt in Bad Neustadt/Saale, erfragte Professor David Ebert, President Elect der International Society of Internet Interventions (ISRII), konkrete Erfahrungen in der Anwendung von E-Mental-Health-Angeboten im praktischen Alltag. Professor Sprick, der net-step in der ambulanten Therapie nutzt, berichtete von anfänglicher Skepsis der Therapeuten gegenüber den Anwendungen. Mit zunehmender Erfahrung und Kenntnis des Programms würde diese aber schwinden. Ein Vorteil sei die Reichweite des Programms, dadurch würden auch Patienten angesprochen, die eine Face-to-Face-Therapie nicht nutzen können oder wollen. Professor Siepmann, der im Rahmen einer Studie deprexis im stationären Setting implementiert hatte, ergänzte, dass Outcomes des stationären Aufenthalts durch die Unterstützung der digitalen Interventionen stabilisiert und aufrechterhalten werden können. Die Finanzierung dieser Angebote müsste allerdings noch geklärt werden. 
In fünfminütigen Kurzvorträgen stellten sieben Unternehmen ihre E-Mental-Health-Anwendungen vor. Die Bandbreite reichte von therapiebegleitenden Apps über Angebote per Videosprechstunde, hin zu Selbstmanagementprogrammen und Virtual-Reality-Anwendungen. Die Programme unterschieden sich in Bezug auf die Zielgruppen, die sie ansprachen und die Indikationsbereiche, für die sie eingesetzt werden können. Vorgestellt wurden die Moodpath-App, Balsam-App, RADIUS, Café Sunday, MyMind, GET.ON sowie Mindance. Außerdem vertreten waren Selfapy, gruppenplatz.de, HausMed, Nevego und Arztkonsultation.de.
Das Seminar wurde im Rahmen des von der EU kofinanzierten Projektes eMEN durchgeführt. Mehr Informationen zu den Zielen, Veranstaltungen und den Partnern von eMEN finden Sie unter: www.nweurope.eu/emen.
 

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Ihre Ansprechpartnerin

Julia Sander, M.Sc.
Wissenschaftlicher Dienst, Projektstelle eMen

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